Veröffentlichung in der Zeitschrift :

Experimentelle und klinische Hypnose

Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Hypnose


Immunstimulation bei einer Patientin mit metastasiertem Mammakarzinom und chemotherapiebedingter Leukopenie


Hintergrund: 

Bei onkologischen Patienten wird insbesondere während und nach der Therapie mit Chemotherapeutika oftmals eine Leukopenie gesehen. Bei den meisten Patienten ist sie spontan reversibel. Dennoch kann sie eine Unterbrechung oder sogar den Abbruch der notwendigen Therapie bedeuten. Es stellt sich die Frage, wieweit in diesen Fällen eine Immunstimulation durch Hypnose und Selbsthypnose bei gut durchführbarer Compliance zu bewirken ist.


Patient und Methode: 

Es wird eine 36jährige Patientin mit metastasiertem Mammakarzinom und jahrelang bestehender Leukopenie vorgestellt, bei der in wöchentlichem Abstand insgesamt neun Sitzungen in Hypnose abgehalten wurden. Zwischenzeitlich führte die Patientin in unregelmäßigen Abständen Selbsthypnose durch, jedoch maximal einmal täglich.


Ergebnis:

Schon nach der zweiten Trance kam es zu einem signifikanten Anstieg der Leukozyten, der über den gesamten Zeitraum trotz Gabe immunsupprimierender Medikamente anhielt.


Schlußfolgerung: 

Bei Patienten mit Leukopenie sollte eine Hypnotherapie zur Stimulation des Immunsystems in Erwägung gezogen werden, insbesondere wenn dadurch eine weitere Therapie ermöglicht wird.


Schlüsselworte:

Hypnose - Immunsuppression - Immunstimulation - Mammakarzinom


Background:

Tumorpatients get often a leucopenia during or after chemotherapie. Mostly the leucopenia is spontaneous reversibel. Nevertheless she can interrupt or finish a necessary therapie. Perhaps it is possible to stimulate the immunsystem with hypnosis and selfhypnosis in easy practicable compliance.


Patient and Method:

The case of a 36-year-old women with metastatic mamma carcinoma and leukopenia for years is presented. She got nine sittings of hypnosis once at week.


Results:

After the second hypnotherapie there was a significant increase of the leucocytic cells, that continued the whole time, nevertheless the patient got immunsuppressiv medicaments.



Conclusion:

A hypnotherapie has to be taken in consideration of all patients with leucopenia to stimulate the immunsystem, especially it makes it possible for another therapie.


Keywords:

Hypnotherapy - Immunsuppression - Immunstimulation - Mamma carcinoma



Ein großer Teil aller onkologischer Patienten wird im Laufe der Therapie mit Chemotherapeutika behandelt. Dies geht oft mit einer Verminderung der Leukozyten einher (1), da auch das blutbildende Knochenmark in Mitleidenschaft gezogen wird. Der gleiche Effekt kann auftreten, wenn eine Bestrahlung von großen Teilen blutbildender Organe ( Wirbelsäule, Becken etc. ) durchgeführt wird.

Sowohl bei der Chemotherapie, als auch bei der Bestrahlung kommt es daraufhin zur Unterbrechung oder im schlimmsten Fall zum Abbruch der Therapie. Dies kann das Schicksal des Patienten besiegeln.


Kasuistik:

Bei der jetzt 36jährigen Patientin wurde im März 1992 ein Mammakarzinom links diagnostiziert; die damalige Tumorklassifikation war pT2 pN2 cM0, eine Hormonrezeptorbestimmung wurde nicht durchgeführt. Es erfolgte damals eine Ablatio mammae mit anschließender Bestrahlung der Brustwand und Bestrahlung der Ovarien zur Ausschaltung der Hormonproduktion.


Anschließend wurde eine Chemotherapie mit Cyclophosphamid, Methotrexat und 5- Fluoruracil durchgeführt. Unter dieser Therapie kam es zu einer Leukopenie auf unter 2000Lekozyten/µl.

Es erfolgte die Gabe von rhGMCSF (2); hierauf kam es kurzfristig zu einem Anstieg der Leukozyten, so daß die Therapie fortgesetzt werden konnte. Nach Abschluß von sechs Cyclen der Chemotherapie erfolgte ein Abbruch der ursprünglich vorgesehenen 12 Zyklen.

Eine spontane Erholung der Leukozyten trat nicht mehr ein. Von April 1993 bis Januar 1996 schwankten die Leukozytenwerte zwischen 2200/µl und 3700/µl   (Median 2600/µl ). 


Im November 1995 traten Mißempfindungen und Schmerzen im rechten Arm auf und es wurde mittels Computertomographie und Magnetresonanztomographie eine Metastase im Bereich des 7. Halswirbelkörpers mit Knochen- und Weichteilinfiltration festgestellt.

Die daraufhin durchgeführten Staginguntersuchungen ergaben keinen weiteren Anhalt für eine Metastasierung. Der einzig weiter auffällig und pathologische Befund war das Ergebnis der Knochenmarkpunktion aus dem Beckenkamm, das lediglich noch 20 % der normalen Zellularität nachwies. Somit ist auch die jahrelang bestehende Leukopenie erklärt.


Zu diesem Zeitpunkt stellte sich die Patientin in einer Klinik für Naturheilverfahren vor. Seitdem spritzt sie sich regelmäßig zweimal wöchentlich ein Mistelpräparat. 

Gleichzeitig wurde wegen der Knochenmetastase eine Therapie mit Diphosphonaten eingeleitet, die einmal monatlich als Infusionstherapie durchgeführt wird.

Von Mitte Dezember 1995 bis Mitte Januar 1996 wurde eine Bestrahlung der Metastase im Halswirbelsäulenbereich durchgeführt. Die regelmäßigen Blutbild-kontrollen ergaben weiterhin eine Leukopenie.


Wegen allgemeiner Unruhe und Nervosität äußerte die Patientin gegen Ende der Bestrahlung den Wunsch nach einer Entspannung in Hypnose.

Nach ausführlichem Vorgespräch wurde in den ersten beiden Sitzungen, die an zwei aufeinander folgenden Tagen durchgeführt wurden, eine reine Ruheszene mit Entspannung dargeboten. Es folgten weitere sieben Sitzungen, die einmal wöchentlich stattfanden. An den Tagen dazwischen führte die Patientin in unregelmäßigen Abständen, maximal einmal täglich, eine Selbsthypnose durch.

Es wurde von Anfang an mit ideomotorischen Signalen und verbaler Kommunikation gearbeitet und ab der dritten Sitzung eine Stärkung der Immunabwehr zusätzlich zur Entspannung eingebaut.

Nach Einleitung der Trance wurde die Patientin aufgefordert ihr inneres Auge, das sie hinter der Stirn lokalisierte, durch ihren Körper zu schicken und zu berichten, was sie sieht.

So berichtete sie von den einzelnen Organen, von den Erythrozyten, die in Eimern den Sauerstoff und das Diphosphonat transportieren und von den vereinzelt in kleinen Schwärmen auftretenden Leukozyten. Diese hatten die Gestalt von kleinen Fischen mit scharfen Zähnen und einem langen Ruderschwanz. Die Tumorzellen im Blut und im 7. Halswirbelkörper wurden als graubraune schwammartige Gebilde gesehen.

Im Verlauf der Sitzungen veränderte sich sowohl die Zahl, als auch das Aussehen der Leukozyten, die am Ende der Behandlung wie Haie aussahen und in gewaltigen Schwärmen auftraten. Tumorzellen wurden nicht mehr gesehen und der destruierte Halswirbelkörper hatte sich wieder neu gebildet in strahlendstem Weiß.

Schon nach der zweiten Trance stieg die Anzahl der Leukozyten an und hatte über die zwei Monate hinweg Werte zwischen 4100/µl und 4700/µl. Das subjektive Befinden der Patientin war sehr gut.

Zwei Wochen nach der letzten Sitzung, verstarb der Großvater der Patientin und gleichzeitig wurde ein OP-Termin zur Stabilisierung der Halswirbelsäule angesetzt. Sofort sanken die Leukozytenwerte auf 2100/µl. Aufgrund dieser psychischen Doppelbelastung gelang es der Patientin auch nicht mehr Selbsthypnose durchzuführen, und sie bezweifelte in dieser Situation in Trance versetzt werden zu können.

An drei aufeinanderfolgenden Tagen vor der stationären Aufnahme zur Operation wurde jeweils eine Hypnosesitzung durchgeführt. Am Tag der stationären Einweisung betrug die Leukozytenzahl bereits wieder 4100/µl.


Diskussion:

Kognitive und emotionale Prozesse haben einen nachweisbaren Einfluß auf die Funktion des Immunsystems. Da Tumore auf einem Versagen des Immunsystems beruhen, sind inzwischen zahlreiche Ansätze und auch Erfolge mittels Hypnose auf diesem Gebiet zu verzeichnen.

Im vorliegenden Fall wird deutlich gezeigt, daß die bestehende Leukopenie spontan auf die Immunstimulation reagiert, obwohl sogar zytologisch im Knochenmark der Beckenkammpunktion nur 20% der normalen Zellularität und stark verminderte Knochenmarkreserve nachgewiesen wurde. Man hätte die Chemotherapie also im April 1993 fortsetzen können.

Ob damit das Auftreten von Metastasen zum jetzigen Zeitpunkt verhindert worden wäre, diese Frage ist nicht zu beantworten.

Der Effekt der Normalisierung der Leukozyten ist auch mit der einmal täglich durchgeführten Hypnose bzw. Selbsthypnose zu erreichen. Dies bedeutet eine wesentlich höhere Compliance, da die einmalige Durchführung leichter zu handhaben ist, als die oft empfohlene dreimal tägliche Durchführung.

Zusammenfassend erscheint es wichtig auch bei Patienten, denen von physiologischer Seite theoretisch die Voraussetzung zur Aktivierung des Immunsystems fehlt oder zumindest stark eingeschränkt ist, eine Hypnotherapie anzubieten. Es kann eine Normalisierung des Immunsystems eintreten, die es zuläßt eine evtl. lebensnotwendige Folgetherapie durchzuführen, abgesehen von der positiven psychischen Stabilisierung, die gerade bei Tumorpatienten in der Schulmedizin oftmals zu kurz kommt.



1) In unserem Haus liegen die Normwerte zwischen 3800/µl und 9800/µl

2) Rekombinanter humaner Granulozyten-Makrophagen-koloniestimulierender Faktor




Bartrop, R. et al. ( 1977 ). Depressed Lymphocyte Funktion After Bereavement. Lancet, 1, 834-836

Bongartz, W. ( 1990 ). Hypnose und immunologische Funktionen. In D. Revenstorf ( Hrsg. ), Klinische Hypnose ( S. 116-136 ). Berlin: Springer

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